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Das therapeutische Potenzial von Cannabis im Überblick

Seit vielen Jahrhunderten wird Cannabis in vielen Kulturen für medizinische Zwecke verwendet. Wie heutzutage die Wissenschaft dessen Wirkung sieht, erfahrt ihr hier.

Ende des 19ten Jahrhunderts wurde Cannabis für die Behandlung von Schmerzen, Spastiken, Asthma, Schlafstörungen, Depressionen und Appetitlosigkeit verwendet. In der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts wandelte sich dieser Umstand, das es Wissenschaftlern nicht gelang, den chemischen Wirkstoff von Cannabis zu identifizieren. Es sollte bis 1964 dauern, bis sich die Wissenschaft intensiv mit dieser Heilpflanze auseinandersetzte. Mit der Entdeckung des Cannabinoids (–)-alpha9-trans- Tetrahydrocannabinol (THC), dem Hauptwirkstoff in Cannabis, und mit der Identifizierung des körpereigenen Endocannabinoid-Systems nahm die Cannabis-Forschung Fahrt auf. Wie in unserem Artikel beschrieben, wirken neben THC noch weitere Cannabinoide medizinisch. Zum Beispiel erfreut sich Cannabidiol (CBD) immer größerer Beliebtheit. Den beiden Cannabinoiden CBD und THC wird in zahlreichen wissenschaftlichen und klinisch durchgeführten Studien hohes Potenzial für eine Vielzahl von Erkrankungen zugeschrieben. Da die Wissenschaft immer neue Erkenntnisse zu Tage fördert, haben wir für euch eine Auswahl der bisher am weitesten verbreiteten medizinische Anwendungsfälle für Cannabis zusammengefasst. Wichtig scheint zu erwähnen, dass Cannabis bei allen Menschen unterschiedlich wirkt, auch was das medizinische Potenzial betrifft. Wo bei einem Patienten Erfolge mit Cannabis-Medikamenten erzielt werden, so können andere wiederum keine positiven Effekte der Behandlung erkennen.

 

Schmerzlinderung

Cannabis wird oft Menschen empfohlen, die an akuten und chronischen Schmerzen sowie Entzündungen leiden. Die Wirkungsmechanismen zur Schmerztherapie durch Cannabinoide sind mittlerweile sehr gut erforscht. Geschichtlich betrachtet sind Aufzeichnungen bekannt, die unter anderem Anwendungen als Analgetikum bei Operationen, als entzündungshemmende Mittel, als Gegenmittel bei Gicht, gegen Neuralgie (Nervenschmerzen), Migräne, Zahnschmerz und auch als Mittel gegen schmerzhafte Menstruationskrämpfe beschreiben.

Menschen, bei denen Krebs diagnostiziert wurde, haben nach einer chemotherapeutischen Behandlung oft mit Nebenwirkungen zu kämpfen. Hier kann Cannabis wirken und zum Beispiel Magenschmerzen lindern. Weitere Untersuchungen zeigten, dass THC die Phantomschmerzen in Folge einer Amputation reduzieren kann. Auch THC/CBD-Extrakte wurden erfolgreich bei Patienten mit Nervenschmerzen eingesetzt. Hier konnte eine bessere Schmerzlinderung erzielt werden, als mit einem verabreichtem Placebo.

Generell ist zu erwähnen, dass die Gabe von Cannabis als Schmerzmittel auch mit Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit oder dem High-Gefühl verbunden ist. Diese Nebenwirkungen sind jedoch mit den teilweise körperschädlichen Auswirkungen anderer Schmerzmittel, wie zum Beispiel Morphin, abzuwägen.

 

Appetitsteigerung

Weitere Begleiterscheinungen einer Chemotherapie können Antriebslosigkeit und Appetitlosigkeit sein. Eine dadurch verringerte Nahrungsaufnahme wirkt sich zusätzlich negative auf die Stabilität des Immunsystems aus und kann so den Gesundheitszustand von Patienten weiter verschlechtern. Der Konsum von Cannabis kann helfen den Appetit zu steigern. Gleichzeitig wirkt es anregend für das Verdauungssystem. Dies wiederum unterstützt die Ausscheidung ungewollter chemotherapeuthischer Substanzen aus dem Körper.

 

Epilepsie

Die Behandlung von Epilepsie mittels Cannabis ist schon seit dem Mittelalter bekannt. Epidemiologische Studien zeigten, dass die Einnahme von Cannabinoiden das Risiko für das Auftreten epileptischer Anfälle mindert. An mehreren Tiermodellen wurde eine akute antiepileptische Wirkung nachgewiesen. Auch ergaben mehrere Tiermodelle die Resultate, dass Cannabinoide bei früher Gabe zum Schutz vor der Entwicklung von Epilepsien dienen. Cannabinoide wirken darüber hinaus neuroprotektiv gegenüber verschiedenen Noxen (schädliche anorganische oder organische Substanzen) und schützen wahrscheinlich auch das Gehirn vor der exzessiven Freisetzung von Glutamat im Rahmen epileptischer Anfälle.

Neuere Studien ergaben, dass speziell die Cannabinoide alpha-9-THC, CBD, CBN, 11-OH-alpha-9-THC und D8- THC krampfhemmend wirken und somit bei Epilepsie vorbeugend eingenommen werden können.

 

Alzheimer

Die Wirkungen von Cannabis könnten das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verlangsamen. THC, verlangsamt die Bildung von Amyloid-Plaques, indem es das Enzym im Gehirn, das sie bildet, blockiert. Amyloid-Plaques töten Gehirnzellen und führen so schließlich zur Alzheimer-Krankheit. Auch wenn die Studienlage hier noch ausbaufähig ist, darf das Potenzial von Cannabis hier nicht außer Acht gelassen werden.

 

Multiple Sklerose

In Deutschland leiden etwa 130.000 Patienten in an Multipler Sklerose (MS), einer chronisch entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Knapp 85 Prozent der Patienten entwickeln im Lauf der Erkrankung eine Spastik, die über die Jahre meist deutlich zunimmt. Bei spastischen Störungen ist das menschliche Endocannabinoidsystem massiv verändert, was zu einem Mangel an körpereigenen Endocannabinoide führt. Da Cannabinoide ebenfalls an die Rezeptoren im Körper binden, können sie eingesetzt werden. Eine britische Studie, die den potenziellen Effekt von Cannabis bei der Behandlung von Multipler Sklerose untersuchte, zeigte keine Verbesserung der schweren spastischen Symptome bei Patienten unter Cannabis-Behandlung.

 

Darmerkrankungen

Studien deuten darauf hin, dass Cannabis Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn helfen könnte. In einer Befragung unter Cannabis-Konsumenten aus den USA und Kanada gab an, dass diese Cannabis gegen ihre körperlichen Beschwerden konsumieren. Die Befragten beschrieben mehrheitlich, dass Cannabis gegen Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe, Übelkeit und Durchfall half. Im April 2017 erklärten auch Forscher der Medical University of Graz in Österreich, dass medizinisches Cannabis immer öfter zur Linderung von Bauchschmerzen, Durchfall und Appetitlosigkeit erfolgreich eingesetzt wird.

Es konnte bereits nachgewiesen werden, dass Entzündungen vom (körpereigenen) Endocannabinoid System gesteuert werden. Da sich im Magen-Darm- Trakt die Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 befinden, wird angenommen, dass THC und CBD diese aktivieren und somit entzündungshemmend wirken. Forscher der britischen University of Bath gehen davon aus, dass gerade der CB2-Rezeptor hier eine wichtige Rolle spielt.

Die Aktivierung des CB1-Rezeptors scheint Durchfallsymptome lindern zu können. Es wird angenommen, dass hier der Neurotransmitter Acetylcholin aus dem peripheren Nervensystem gehemmt wird. Bekannt ist, dass Acetylcholin die Darmtätigkeit anregt.

 

Schlafstörungen

Die Einnahme von THC führt zu einem beruhigenden Effekt auf den Körper. Begründet liegt diese Wirkung in der Erweiterung der Arterien wodurch der Blutdruck gesenkt und auch die Körpertemperatur um durchschnittlich 0,5 °C verringert wird. Auf dieses Weise wird Stress abgebaut und ein erholsamener Schlaf ist so möglich.

Allerdings hängt der Einfluss von Cannabis auf das Schlafverhalten von der Häufigkeit des Konsums ab. In einer im Jahr 2016 veröffentlichten Studie kam eine amerikanisches Forscherteam zu dem Ergebnis, dass tägliche und regelmäßige Cannabis-Konsumenten häufiger unter Schlafstörungen leiden, als Gelegenheits-Konsumenten. Auch zu vermehrten Schlafunterbrechungen kam es bei den täglichen Konsumenten. Weiterhin seien hier Langzeitstudien notwendig, um diese Untersuchungsergebnisse zu validieren.

Um Cannabis bei Schlafstörungen anzuwenden, spielt auch die Sortenwahl eine wichtige Rolle. Indica-lastige Sorten führen hier zu besseren Entspannungen und einer sedierenden Wirkung. Sativa- Sorten hingegen, bewirken durch ihre energetisierende Wirkung meist das Gegenteil.

 

Grüner Star (Glaukom)

Auch wenn hier noch weiterer Forschungsbedarf besteht, so geben unterschiedliche Studien Hinweise darauf, dass Cannabis bei der Behandlung von Grünem Star unterstützen kann. Forscher nehmen an, dass der Cannabinoidrezeptor CB1 bei der Reduzierung des Augeninnendrucks eine wichtige Rolle spielt.

Von Nachteil ist bei der Glaukombehandlung mit Cannabis als Medizin, dass der Augeninnendruck lediglich für ungefähr drei bis vier Stunden gesenkt werden kann. Somit müssten Patienten mehrmals täglich Cannabis zu sich nehmen. Für eine langfristige Therapie kommt Cannabis deshalb nicht in Frage. Mögliche Therapien könnten sich erst durch die Entwicklung von Augentropfen ergeben. Da Cannbinoide eine geringe Wasserlöslichkeit besitzen, sind entsprechende Produkte noch selten.

Die hier dargestellten Therapiemöglichkeiten mit Cannabis sind nur ein Ausschnitt der bisher bekannten medizinischen Anwendungsmöglichkeiten. Es wird davon ausgegangen, dass Cannabis bei mehr als 50 Erkrankungen unterstützend wirken kann. Weltweit arbeiten viele Forscher, vor allem aus den USA, Israel und Kanada an diesem Thema, um die Vielfalt der medizinischen Anwendungsmöglichkeiten der Heilpflanze vollends zu erfassen.